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Freitag, 23. Mai 2008
Seit 5:00 klingelt der Wecker oder richtiger, läuft das Radio des Radioweckers, startet immer wieder neu, nachdem er die nächste Weckzeit erreicht, die ich immer wieder nach hinten verschiebe. Eigentlich wollte ich irre früh bei Biene sein, doch meine Müdigkeit ist stark und gleichzeitig verführt mich der Gedanke ich müsse doch fit sein, für das was kommt. Um 6:00 schließlich quäle ich mich aus dem Bett und um 7:00 bin ich vor dem Krankenhaus. Einen kostenlosen Parkplatz suche ich erst gar nicht, will keine Zeit mehr verlieren, denn der Gedanke, es könnte bereits geschehen sein heute Nacht und man hätte mich nur nicht mehr erreicht, ergreift mehr und mehr von mir Besitz. Ich parke direkt vor einer Parkuhr und schaue was ein Tag kostet: 5 Euro. Das ist, betrachtet man den möglichen Strafzettel, der nach Aussage einer Krankenschwester auch gerne schon mal mehrmals am Tage vergeben wird und ebenfalls jeweils 5 Euro fordert, die bessere Wahl und ich bezahle. Nicht panisch aber doch recht zügig eile ich nun zu Bienes Zimmer, folge dem ewig langen Flur Richtung Neubau, nehme die Treppe ins dritte Stockwerk, auf den Fahrstuhl zu warten würde jetzt nur unnötig Zeit kosten. Auf den Türöffner für die Seitentür schlagen und dann nur noch ein paar Meter und ich erreiche das Zimmer 308. Vorsichtig öffne ich die Tür und erblicke Biene wie auch die andere Frau (Kerstin). Beide liegen recht ruhig in ihren Betten und ich erfahre schnell, daß beide genau dasselbe erlebten letzte Nacht: gegen 3 Uhr ließen die Wehen plötzlich nach, kamen nur noch in 10 Minuten oder in größeren Abständen. Natürlich frustrierend, nachdem sie beide etliche Stunden damit zugebracht hatten, sich vom Schnaufen und heftigen Atmen des jeweils anderen nicht aus dem Takt bringen zu lassen. Ärgerlich daß nun 11 Stunden anständiger Wehen ganz umsonst gewesen sein sollten. Etwa um 9:00 erscheint eine Ärztin, bringt sich auf den neuesten Stand und entscheidet dann, daß noch einmal geprimed werden soll. Als sie mit Kerstin zu sprechen beginnt, unterbricht sie kurz und bedeutet mir recht deutlich, ich solle doch den Raum verlassen. Mache ich natürlich und ärger mich ein wenig, daß ich da nicht selbst drauf gekommen bin, als Kerstin von ihren Beschwerden zu erzählen beginnt. So laufe ich ein wenig den Flur entlang, beobachte aus dem letzten Zimmer, daß wohl ein Besucherraum sein soll, einen in einer Grube stehenden Bauarbeiter, wie er mit einem Presslufthammer Beton zu seinen Füßen in kleine Stücke hackt, um diese dann in die Schaufel eines Baggers zu legen. Als ich zurück zum Zimmer 308 schlendere, weist mich eine Schwester darauf hin, daß ich noch nicht hinein könne. Die Ärztin hatte noch zwei Primertabletten gefunden und die bekommen die Mädels nun jeweils eingeführt. Innerhalb der nächsten Stunde geht’s dann recht bald wieder los mit Wehen, zuerst etwa im 10 Minuten Takt, der sich jedoch recht bald in einen 5 Minuten Takt verkürzt. Dennoch liegt eine sanfte Frustration über dem Geschehen, denn was passiert, wenn es wieder zu nichts nütze ist, die ausgehaltenen Schmerzen sich irgendwie umsonst anfühlen?! Eigentlich wissen wir es schon: als Nächstes würde der Wehentropf folgen und wenn diess auch nichts brächte, dann gäb’s wohl ’nen Kaiserschnitt. Vor allem letzteres erfüllt uns doch eher mit Unbehagen. Zudem wird von ärztlicher Seite auch wenig Ausblick auf die kommenden Ereignisse gegeben, weil sie das auch gar nicht können. Jede Frau ist anders und reagiert anders auf die Primer. Manche halten schon nach der ersten Tablette ein paar Stunden später ihr Kind in den Armen und manche brauchen 3 Primer. Nun gut. Da sind wir jetzt gerade. Während Biene nur noch im Bett liegt und eine Plastikwasserflasche bearbeitet, also bei Wehen fest umklammert und zu zerquetschen versucht, versuche ich eine wenig die Zeit mit SUDOKU auf meinem Handy zu überbrücken. Zu ihrem Ärgernis zwar, doch was soll ich tun. Immer öfter kommen nun jedoch Wehen und sie scheinen auch stärker zu werden, auch wenn auf dem CTG nur kleine Peaks erscheinen. Das ist fast ärgerlich, daß man für diese Anstrengungen nur so schwache Signale aufgezeichnet bekommt. Einmal muß sie ordentlich rülpsen und das Gerät quittiert die Erschütterungen mit einem lauten Knattern. Darüber müssen wir lachen und das Schütteln ihres Bauches läßt das Gerät nun erst recht knattern, was unser Lachen nur noch mehr anstachelt. Ein schöner Moment, miteinander zu lachen und kurzzeitig die Anspannungen aufzulösen. Um dreiviertel zwölf muß Biene auf’s Klo und ich helfe ihr, dorthin zu kommen, indem ich sie stütze, während sie ganz langsam einen Fuß vor den anderen setzt. Dann warte ich vor der Tür und warte bis sie nach mir ruft, ich solle mal hinein kommen und die Tür zumachen. Dann zeigt sie mir blutverschmiertes Klopapier und als ich zwischen ihre Beine schaue, erblicke ich einen dicken blutigen Schleimfaden, der da heraushängt und irgendwie nicht so recht abgehen will. Es braucht schon mehrere Versuche, bis das Ding ganz heraus ist und ich bin erstaunt, daß ich es fast gar nicht eklig fand. Vielleicht weil ich weiß, daß das wohl gerade der so genannte „Schleimpfropfen“ war und das ist ein gutes Zeichen. Das Abgehen desselben oder das Platzen der Fruchtblase, so lernten wir im Vorbereitungskurs, sind sichere Zeichen für den Beginn der Geburt und so ist die Freude größer als das Unangenehme. Bienes Freude hält sich allerdings in Grenzen, da sie schon wieder mit Wehen zu kämpfen hat. Nachdem ich sie zum Bett zurückgebracht habe, suche ich eine Schwester, um von dem eben Erlebten zu berichten. Ich finde auch eine und diese nimmt es fast gelangweilt zur Kenntnis, will dann aber auch der Ärztin Bescheid sagen. Bis diese schließlich dann zu uns ins Zimmer kommt, vergeht allerdings noch wahnsinnig viel Zeit, halb zwei etwa wird sie erst da sein. Zwischendurch gibt’s noch Mittag, aber von dem gedünsteten Fleisch, dem Salat und dem Kartoffelbrei ißt sie nur sehr wenig. Auch sagt sie immer öfter, ihr sei übel. Schließlich taucht dann die Ärztin auf, schaut sich das CTG an und bietet dann zögerlich an, daß sie sie jetzt schon in den Kreißsaal schicken könnte, da würde es dann aber doch noch recht lange dauern. Außerdem fragt sie, ob Biene nicht noch ein wenig laufen wolle, 40 Minuten, oder wenigstens ’ne halbe Stunde. Doch meine Kleene kann sich kaum noch auf den Beinen halten und ich versuche dies der Ärztin klarzumachen. Sie muß es wohl zur Kenntnis genommen haben, denn kurze Zeit später erscheint eine nette Schwester mit einem Rollstuhl. Nun soll ich plötzlich recht schnell ein paar Dinge zusammenräumen, ’ne Waschtasche, ein Handtuch, einen Bademantel. Letzteres haben wir gar nicht, doch die Schwester bringt dann einen schönen weißen. Als sie zurückkommt hat es Biene immerhin bis zum Ende ihres Bettes geschafft. Dort liefert sie dann den Beweis dafür, daß ihr übel ist, und erbricht reichlich auf das Bettende und verschont ihre Jogginghose und das Handtuch, welche dort bereit lagen, nicht. Als sie ein zweites oder drittes Mal würgen muß, schießt regelrecht ein dicker blaßgelber Kotzestrahl auf den Boden, um sich dort platschend wie ein Wasserspiel zu verteilen. Perfekter hätte es kein Zeichentrickfilm wiedergeben können und ich muß dem unbedingt Worte geben. Natürlich um sie anschließend ein wenig abzulenken. Die Schwester legt ein großes Zellstofftuch auf den Boden und meint dann, daß wir uns beeilen müßten, da wir nun im Kreißsaal angemeldet seien. Kerstin zögert zunächst, bittet dann leise aber doch darum, ob vielleicht mal das Fenster aufgemacht werden könnte. Flink geht es jetzt also in den Kreißsaal, die Schwester schiebt den Rollstuhl zum Fahrstuhl und ich folge ihr, die Waschtasche und meinen Rucksack tragend. Ein Stockwerk fahren wir hinauf. Die Schwester klingelt an der Tür und mir fallen einige Menschen auf den Stühlen des Wartebereiches vor der Tür auf. Dann öffnet sich die undurchsichtige Glastür und als wir in den breiten Flur gelangen, der sich kaum von dem eine Etage tiefer unterscheidet, erblicken wir plötzlich uns vertraute Gesichter: die Hebammen-Azubine lächelt uns freundlich an und zwei/drei weitere Frauen, deren Namen wir nicht kennen. Ein merkwürdiges Gefühl erfaßt mich: es ist fast so, wie im Himmel anzukommen, nach den Plagen und dem Leid eine Etage höher von altbekannten freundlichen Wesen empfangen zu werden. Biene hat allerdings wenig Ressourcen, um über derlei Philosophisches nachzudenken, tapfer „veratmet“ sie Wehe um Wehe, die jetzt mindestens alle drei Minuten kommen. Wir werden in ein Voruntersuchungszimmer gebracht, dort kann sie sich auf eine Liege legen und die nette Azubine schließt sie sogleich an ein CTG Gerät an. Eine knappe halbe Stunde vergeht, untermalt von dem Lärm sich in Beton fressender Bohrmaschinen. „Wie zu Hause“ bemerkt Biene sarkastisch, da die neuen Mieter im Erdgeschoß in den letzten zwei Wochen schätzungsweise vierzigtausend Löcher in die Wände gebohrt haben müssen. Eine Hebamme erscheint „Ich bin Renate…“ und untersucht Biene mit dem Ergebnis „3 Zentimeter“ – die Öffnung des Muttermundes ist gemeint und immerhin tut sich was. „Das Kind bekommen sie heute noch.“ sagt sie und das fühlt sich erstmal gut an. Heute noch. Es ist zwar erst 14:00 Uhr und „heute noch“ könnten noch weitere 10 Stunden bedeuten und doch ist „heute noch“ endlich etwas, woran man sich festhalten kann. Heute noch. Daß 3 Zentimeter noch zu wenig seien, wissen wir natürlich selbst, 10 müssen es wohl werden – sie sagt es trotzdem und schlägt dann erstmal einen Einlauf vor, fast wie ein arabischer Händler, dem man dieses Angebot jetzt unmöglich ausreden kann. Biene leistet keinen Widerstand, es war ihr aber auch schon vorher klar, daß sie das mit sich machen lassen würde. „Sie atmen zu schnell, Frau Peukert, schaun sie mal…“ und dann macht sie das richtige Atmen noch einmal übertrieben vor, aber danach habe selbst ich noch immer nicht verstanden, wie man denn nun richtig atmet. Erst soll man tief und langsam, dann aber wieder nicht zu tief, zumindest langsam ist wohl richtig, um nicht immer schneller zu werden und irgendwann zu hyperventilieren. Zwei bis drei Wehen vergehen, als Biene plötzlich meint: „…oh, oh, ich glaub’ es geht los“ und damit meint sie nicht die Geburt, sondern die Wirkung des Einlaufes. Die Hebamme schreckt nun wie ein aufgescheuchtes Huhn auf, kommt sogleich mit einer ziemlich großen Windel angelaufen, immer wieder rufend: „nein, nein, nein, Frau Peukert, sie machen hier jetzt nicht hin, solange können sie noch aushalten…“. Dann klemmt sie die Windel zwischen Bienes Beine, hält sie vorn und hinten an Biene gedrückt und jagt mit ihr zu der gegenüberliegenden Toilette, wobei Bienes beschwerliche Schritte kaum als gejagt zu bezeichnen sind. Dennoch ist sie, angetrieben von der kleinen und doch recht ruppigen Hebamme, wesentlich schneller unterwegs. Es hilft aber nicht – die Tür des Klos ist noch nicht verschlossen, da höre ich erst die Hebamme rufen „Nein, nicht dahin!“ . Biene ist wohl gerade zum Waschbecken gelaufen, statt eine weitere Tür zur Kloschüssel zu passieren und dann höre ich ein mir schon vertrautes Platschen. Später erfahre ich, daß dieses platschen allerdings nicht davon herrührte, was ich mir dachte. Zuerst mußte sie sich nämlich noch einmal heftig übergeben und saute dabei erstmal ordentlich Wände und Boden der Toilette ein. Ich stehe derweil auf dem Flur und beobachte, wie die Hebamme eiligen Schrittes ein Stück weit den Flur hinauf geht, in einem Raum verschwindet, um kurz darauf mit Eimer und Lappen, immer noch eiligen Schrittes und mit einem leicht gereizten Gesichtsausdruck den Flur wieder hinunter zu laufen und im Klo zu verschwinden, wo meine kleene Biene vermutlich gerade Furchtbares durchmachen muß. Zum Glück ist die Hebamme recht schnell wieder da drin, denn ich habe Angst, Biene könnte da drin einfach umfallen. Irgendwann kommt sie mit leicht ins Grüne gehender Gesichtsfarbe aus dem Klo – der Bademantel ist nun auch versaut – den hatte sie nach ihrem ersten Erbrechen gegen ihr verschmutztes T-Shirt eingetauscht. Duschen ist angesagt nach der Kotzerei und Scheißerei und so kommen wir in den nächsten Raum, der mit seinen strahlend weißen Fliesen am Boden und an den Wänden abartig steril wirkt und nur einen Gedanken zuläßt: leicht zu reinigen. Ob in der Dusche ein Hocker stünde, hatte ich die Hebamme schon im Flur gefragt; jetzt wo wir in der Dusche sind, schaue ich sofort nach und was ich erwartete trifft zu: es gibt natürlich keinen Hocker in der Dusche. Kurzzeitig überlege ich, ob ich den Sessel in die eigentliche Dusche zerre, die mit sehr hohen undurchsichtigen Glaswänden vom Raum abgetrennt ist, doch hätte man keine Möglichkeit mehr noch Sachen abzulegen. Außerdem sind die vom Klinikum verursachten Ärgernisse schon ausreichend, da bleibe ich jetzt besser defensiv. Und defensiv ist, daß ich mir die Hebamme schnappe und mit etwas härterem Tonfall nach einem Hocker verlange. Daß da noch keiner sei, nimmt sie nur sanft verwirrt zur Kenntnis, fast ist es so, als hätte sie sowas erwartet. Umzugsverschuldet eben. Es dauert glücklicherweise nicht lange, bis sie mit einem weißen Plastikhocker erscheint und wir mit dem „schön warm duschen“ beginnen können. Nachdem ich den nackten schwachen Bienenkörper auf dem Stuhl platziert und das Wasser aufgedreht habe, warte ich jedoch vergebens auf warmes Wasser. Allenfalls nicht eiskalt ist es, mehr ist nicht drin. Dies gebe ich ärgerlich an die Hebamme weiter und auch wenn sie versucht es überrascht aufzunehmen, ist doch spürbar, daß ihr das jetzt schon ein wenig unangenehm ist. Wir bringen das mit dem Wasser über die Biene schnell hinter uns und schnell auch trockne ich sie ab. Die Hebamme hat mittlerweile ein hübsch rosafarbenes Nachthemd zum Vornezuknöpfen gebracht und immerhin hat Biene noch genug Kraft eitel dessen Häßlichkeit festzustellen. Das hilft aber nichts, da alle anderen Sachen sich gewissermaßen den Ereignissen schon opferten. Ein bißchen widerwillig zieht sie es an und wir dürfen wieder einen Raum weiter: der Vorwehenraum. Es ist nicht zu fassen, wie sehr es den Gestaltern gelungen ist, einen großen Schritt zurück zu machen: kalt, steril, unbequem und unangenehm. Die Sitzgruppe, wieder mit hervorragend abwischbarem Material bezogen, besteht aus zwei Sesseln und einem Zweisitzer. Der Zweisitzer ist jedoch völlig ungeeignet, die Schmerzen bekämpfende Biene einigermaßen entspannt sitzen zu lassen. Die gerade noch untergebrachte Sprossenwand wirkt, als sei sie nur der Form halber vorhanden. Wurstfarbene Platten auf den Seitenschränken, die wie Küchenplatten aussehen und das eingelassene Waschbecken lassen mich an eine Fleischerei denken. Hier will man sich nicht aufhalten! Die Hebamme kommt und bietet tatsächlich noch einmal das Laufen an. Dafür ist jedoch nicht mehr genug Kraft in meiner Biene und das scheint dann auch die Hebamme zu denken und fragt, ob sie lieber auf das Bett wolle. Dem stimmt Biene sofort zu – unbedingt liegen will sie jetzt. Und so dürfen wir wieder einen Raum weiter. Es ist fast so, als würde man in einem Spiel immer weitere Ebenen erreichen. Nun ereichen wir also den Raum für das Endspiel. Als wir diesen betreten, bin ich wieder überrascht – diesmal wegen seiner Größe, fast wie ein Klassenzimmer. Das Bett, ganz modern, steht in einer Ecke gleich neben der Tür, was sich im weiteren Verlauf als der nicht unbedingt günstigste Aufstellungsort herausstellt, da die Hebamme einmal beinahe die nach innen öffnende Tür in den Rücken geschlagen bekommt. Als nächstes fällt mir der hier übliche „Kinderwagen“ auf, der mehr wie ein Einkaufswagen aussieht. Hübsch und sauber steht er da leicht schräg im Raum und sieht so verdammt merkwürdig aus. Ich zweifel zwar nicht daran, daß alles gut verläuft, dennoch sind da natürlich Ängste. Dadurch fühlt sich dieser Kinderwagen, wie er da so unschuldig steht, irgendwie seltsam an. Vielleicht kann ich es aber noch etwas angenehmer beschreiben: wie ein Instrument eines Orchesters, dessen Spieler noch nicht eingetroffen ist. Ja, es ist fast so, als würde Janek hier in diesem Raum irgendwie eintreffen, so als würde er wie in Star Trek üblich von irgendwoher hergebeamt werden. Natürlich ist das aber Quatsch, weil er schon längst hier ist, hier in diesem Raum. Komische Gedanken und Gefühle. Biene erobert das Bett, wird sogleich wieder an ein CTG-Gerät angeschlossen und mit dem Ansteigen großer digitaler Zahlen kann ich nun hervorragend beobachten, wann die nächste Wehe kommt. Und sie kommen zahlreich, wollen manchmal gar nicht mehr aufhören oder gehen ineinander über. „Wollen sie ’n Kaffee?“ fragt mich die Hebamme und ich nehme dankend ihr Angebot an, auch wenn es mir ein wenig unbehaglich ist, hier jetzt gleich ’n Kaffee zu genießen, während sich Biene mit den Wassertropfen begnügt, die ich ihr immer wieder auf die Lippen streiche. Als die Hebamme den besagten Kaffee bringt, bereue ich es allerdings, denn er ist türkisch aufgebrüht und ohne Milch und ohne Zucker – die furchtbarste Form eines Kaffees, die ich mir vorstellen kann. In dieser Gestalt bekomme ich ihn nur nach ausgedehnten Spaziergängen in der Nähe des Südpols herunter. Und so verschmähe ich ihn nach einem gespielten Anstandsschlückchen. Zudem wäre ich auch gar nicht auf die Idee gekommen, mich jetzt gemütlich in die Sitzgruppe zu lümmeln. Die gleiche wie in den vorherigen Räumen übrigens. „Nehmen sie drei für den Preis von zwei und wenn sie jetzt gleich anrufen dann erhalten sie gratis einen türkischen Kaffee ohne Milch und ohne Zucker!“ Ich will nicht undankbar erscheinen, daß sie mir einen Kaffee brachte, fand ich schon recht nett, auch wenn ich mir dabei die Frage stellte, ob sie mir damit signalisieren wollte, daß wir noch sehr viel Zeit miteinander verbringen würden. „So, jetzt schauen wir mal, was sich getan hat.“ Sagt sie und untersucht Bienes Muttermund, was derselben gar nicht angenehm ist, weil es ihr wohl noch zusätzliche Schmerzen beschert. Dann: sieben Zentimeter. Jetzt sind wir platt und schauen uns erstaunt und ein klitze kleines bißchen erleichtert an, wobei man Biene ihre Erleichterung nicht aus dem Gesicht ablesen kann, jedoch aus dem Gesagten. Sieben Zentimeter. Das ist überraschend für uns, denn das bedeutet in der vergangenen Stunde sind 4 weitere Zentimeter dazugekommen. Ich glaube erst jetzt schenken wir ihrer Aussage, das Kind käme heute noch, wirklich Vertrauen. Die Freude darüber tritt der nicht nachlassenden Wehen wegen jedoch schnell in den Hintergrund. Etwas später läßt sich die Hebamme die Idee nicht ausreden, nochmal auf Toilette zu gehen. Mühsam schleppt sich meine Kleene auf mich gestützt also zurück zu dem Duschraum – da gab’s auch ‘ne Toilette. Irgendwann ist diese erreicht. Als sie jedoch endlich draufsitzt scheinen die Wehen eine neue Intensität zu erreichen und beide haben wir plötzlich nur den einen Gedanken: das Kind kann doch jetzt nicht etwa ins Klo fallen, oder doch?! Mit etwas Mühe bekomme ich sie vom Klo wieder herunter, doch ist ihr mittlerweile wieder ziemlich übel und am Waschbecken angelangt wird auch dieses auf die ihre ganz eigene Weise getauft. Wir sind beide hinterher erstaunt, wie gelb Kotze aussehen kann. Vermutlich lag's am verschwenderischen Umgang mit einem herrlichen gelben Gewürz bei der Zubereitung der Garnelensuppe, die ich ihr vorgestern erjagte. Die Hebamme scheint sich mittlerweile an Bienes Ausscheidungswut gewöhnt zu haben, bei Biene selbst kann ich allerdings noch keine Gelassenheit entdecken über die Achterbahnfahrt, die ihr Körper mit ihr veranstaltet. Zurück zum Bett – „Tage später“ erreichen wir es. Die Wehen sind nun sehr stark und langsam kommt der kleine Kerl wohl in Bewegung, wird von der sich immer wieder und immer stärker zusammenziehenden Gebärmutter mit dem Kopf voran in Bienes Becken gedrückt. „Die Intensität der Schmerzen wird sie überraschen.“ War eine liebliche Formulierung in irgendeinem psychologisch weniger ausgereiften Buch. Auch wenn sie sich vermutlich gerade nicht an diesen Satz erinnert, scheint sie genau das jetzt zu erleben. Meine Hand in immer neuen Variationen zu drücken - halt, das klingt zu niedlich - zu quetschen ist richtiger, scheint ihr plötzlich nicht mehr auszureichen und ich kann wunderbar beobachten, wie sich ihr Mund, der sich nahe meiner Hand befindet, langsam öffnet. Fast listig glänzen ihre scharfen Zähne ein schmerzverzerrtes Lächeln und gerade noch rechtzeitig bringe ich meine Hand in Sicherheit. Nicht, weil ich nicht jedes Opfer für sie brächte, sondern weil ich weiß, daß mit Menschenbissen nicht zu spaßen ist. Als sie merkt, daß ihre Beute schneller war, entscheidet sie sich kurzerhand für gewaltige Laute, um mit den Schmerzen klarzukommen. Und auch dabei scheint es eine naturgewollte Choreographie zu geben, denn sie wird immer lauter. Einmal dann, als sie so etwas wie einen Turbo zuschaltet, sehe ich wie die Hebamme etwas irritiert schaut. Wäre dies kein Neubau, die Wände hätten wohl angefangen zu wackeln. Morgen oder übermorgen sehen wir Kerstin, die nebenan nur etwa eine halbe Stunde später ihre Zwillinge zur Welt brachte und sie wird zu Biene sagen, daß da ja eine Frau ziemlich laut geworden sei. Daß diese Frau gerade Katja war, wird dabei kein Geheimnis bleiben. Humor ist etwas wunderbares, heilsam- magisch. „Jetzt muß er die Kurve kriegen.“ sagt die Hebamme und das bedeutet, daß es wirklich nicht mehr lange dauern kann. Ich weiß auch nicht, wie lange die Kleene noch so weiterkämpfen kann. Dennoch habe ich großes Vertrauen in die Hebamme – die wird genau wissen was geschieht, was sie tut. Und jetzt will sie, daß sich Biene alle 3 bis 5 Wehen von einer Seite auf die andere dreht. Das mag furchtbar sinnvoll sein, ist ihr aber ein unglaublicher Kraftakt und mit „Hopp, Hopp“ sind die Motivierungsversuche der Hebamme jetzt auch nicht gerade die gelungensten. Dieser Kampf dauert nicht mehr so lang, da ruft sie eine Ärztin an und verliert dabei nur wenige Worte: das Kind kommt dann jetzt. Ich weiß nicht, ob Biene das noch wahrnimmt, auch das Erscheinen der Ärztin, als Zeichen, daß es dem (wunderbaren!) Ende entgegengeht, kann sie vielleicht nicht sinnvoll einordnen. Lange schon hat sie die für sie perfekte Atmung begriffen und steuert damit verbissen wie ein kleines Fischerboot durch einen höllischen Orkan. Als die Hebamme allerdings von einem Köpfchen berichtet, das sie nunmehr sehe und Biene zu einer für sie doch recht überraschenden Akrobatik aufgefordert wird, da ist wohl auch ihr klar, daß es jetzt soweit ist. Rechts und links vor ihr stehen Ärztin und Hebamme. Zuerst soll sie ihre Füße gegen die beiden pressen, dabei allerdings bitte nicht die Hebamme treten. Daß die Ärztin damit sehr viel von ihr verlangt, scheint ihr nicht wirklich klar zu sein. Dann aber soll sie ihre Beine selbst in die Hände nehmen, mit jeweils einer Hand das zugehörige Bein in der Kniekehle packen und dann ganz tief Luft holen, Luft anhalten, das Kinn auf die Brust und dann pressen, als sei es das größte Geschäft ihres Lebens. Bienes Auffassungsgabe ist mittlerweile jedoch ein wenig in Mitleidenschaft gezogen und so braucht es ein paar Anläufe bis sie nicht mehr brüllt und auch nicht mehr knurrt, wie die Ärztin beschreibt. Nun scheint es voranzugehen, es tut sich etwas, soviel kann sogar ich sehen, der ich an Bienes Schulter stehe, auch wenn ich noch kein Köpfchen erblicke. Dann aber scheint das was sich tut nicht zu genügen und ich verfolge, wie von der Hebamme recht schnell eine sterile Schere aus einer Plastikverpackung ausgepackt und unterhalb von Bienes Becken bereit gelegt wird. Die Kommunikation zwischen der Hebamme und der Ärztin geschieht nun ohne Worte und blitzschnell. Einen Versuch scheinen sie meiner Kleenen noch zu geben, dieser reicht aber nicht aus. Ich höre ein kurzes Schnipp, ein wilder urzeitlicher Schrei meiner Biene, nicht des Schnittes wegen, des Kindes wegen, daß grau, faltig und schleimig mit einem schmatzenden Geräusch ihren Körper verläßt. Ich sehe ihn, die Hebamme hält ihn, ein Satz, den ich erst kürzlich las, fliegt durch meinen Kopf: dieser Moment wird einen ganz besonderen Platz im Schatzkästchen der Erinnerungen eines Vaters einnehmen; und ich denke, daß ich mir diesen Moment jetzt ganz genau einprägen muß, damit ich es nicht vermassel. Sicher nur eine Sekunde vergeht und ich höre einen hellen, lauten Schrei: „Määäh…“. Dann noch einen: „Määäääääh“. In mir beginnt es zu rauschen und Dankbarkeit explodiert wie eine Sonne in mir. Die jeweils zwei kleinen Finger meiner Hände sind plötzlich taub, die Mittelfinger scheinen sich nicht entscheiden zu können, ob sie bei der Party mitmachen wollen. Sehr bescheiden besäuft sich da wohl gerade mein Körper. Dann wird es ruhig, als wäre ein schrecklicher Sturm mit einem male vorüber. Plötzlich bricht Sonnenlicht versöhnlich durch die Wolken, kein Hagel peitscht mehr ins Gesicht und nur noch ein laues Lüftchen streicht liebevoll durchs Gras – schon sind wieder Vögel zu hören. Janek – ich kann gar nichts weiter tun, als mich tief vor Dir zur verbeugen, mit dem Versprechen dir zu geben, was ich zu geben vermag. Biene, wie auch ich, kreischen nicht vor Glück, wir weinen auch nicht, aber beide versuchen wir das Glück zu fassen – wir müssen es erst begreifen und das dauert ein paar Momente bis es uns ganz ausfüllt. Die Nachgeburt war nur ein kurzer Akt und fiel fast gar nicht auf. Fast entspannt liegt sie nun auf dem Bett, wird von der Ärztin genäht. Ich bin derweil in der anderen Ecke des Raumes, mit meinem Kopf über diesem kleinen Alien – mit seinen tiefschwarzen Pupillen und dem wenigen Weiß in seinen Augen sowie dem nach hinten verformten Kopf, kann man sich des Gedankens „kleiner Alien“ einfach nicht erwehren. Mein Kopf ist also über den in Handtücher gewickelten Zwerg und direkt unter einem Heizstrahler der mein Gehirn grillt. Aber was macht das schon. Ich bin Papa. Ärgern soll ich den Kleinen dann und ihn an den Fußsohlen krabbeln, daß er ordentlich schreie, damit seine Lungen ordentlich in Schwung kommen. Das fällt mir gar nicht leicht, aber ich vertraue denen hier mal und ärgere ihn also ein wenig. Dann wird er noch von der Hebamme geärgert, die erst die eine und weil er heftigen Widerstand leistet, dann auch die andere Fußsohle mit Farbe einpinselt, um einen Fußabdruck in eine schmucklose Karte zu bekommen. Eigentlich nicht notwendig, denke ich, wenns nicht unbedingt sein muß. Ein Namensbändchen gibt’s auch um den rechten Arm – nun kann er nicht mehr vertauscht werden, denn das Plastikbändchen muß man schon zerschneiden, um es wieder abzubekommen. Ein Arzt kommt und erklärt einer ihm folgenden jungen Ärztin die U1 – die erste Untersuchung eines Kindes direkt nach der Geburt. Ein paar Extras zeigt er ihr dabei auch gleich, Untersuchungen, die nicht gefordert, aber doch aus ärztlicher Sicht interessant sein mögen. Janek besteht alle seine Tests, worunter auch so Leckerlies wie ein offener Rücken, ein offener Gaumen, fehlende Gliedmaßen oder das Fehlen eines Polochs sind. Abschließend meine ich, daß ich ja jetzt auch die U1 könne und der lustige Arzt spielt den Ball zurück und sagt, daß ich dann ja die U2 übernehmen könnte. Noch als die nähende Ärztin da ist, kommt das Gespräch auf die Mitarbeiter des Kreißsaals und sie sagt: „…wir sind doch hier alle freundlich…“. Ich kann nicht anders und antworte: „Ein jeder auf seine Weise.“ Das sei ja jetzt sehr diplomatisch formuliert gewesen, stellt sie richtig fest. Zahlen: 3490 Gramm, 51 cm, 35 cm Kopfumfang und um 18:23 in das Licht der Welt getaucht. Noch eine ganze Weile verbringen wir zu dritt beieinander in diesem Raum. Zwischendurch bin ich schnell mal hinunter in Bienes Zimmer, um die Kamera zu holen. Da stellte ich dann erfreut fest, daß das Bett von Kerstin fehlte und als ich wieder oben war, kam mir Kerstins Mann entgegen. Männlicher aber auch glücklicher hätte unser Handschlag nicht sein können, der eigentlich alles sagte. Dann schaute ich ganz kurz in den nächstfolgenden Raum in dem Kerstin und in einem Wärmeschrank ihre beiden Zwillinge Sascha und Johann lagen. Alle glücklich. Alles gut gegangen. Es ist schon dunkel, als wir zurück zu dem Zimmer gebracht werden. Die beiden Schwestern frage ich dann nach einem Familienzimmer, doch wie die Hebamme sind sie unsicher, was das angeht, faseln was von 60 Euro. Also bitte ich die Schwester, die mir antwortete etwas bestimmter darum, jetzt herauszufinden, ob es geht und was es kostet. Das war sicher nicht sehr freundlich von mir, ärgert mich Friedensbrezel auch ein wenig, mußte aber scheinbar mal sein. Sie kommt bald wieder, erklärt es gäbe eines, koste 25 Euro, wir müßten uns jetzt allerdings gleich entscheiden. ’Ja wann denn sonst?!’ denke ich so bei mir und zack ziehen wir um. Gar nicht weit, anderer Flur, ganz in die Nähe des Empfangs. Ich bekomme eine Liege und einen Infozettel und schon sind wir drei ganz allein. Das Rauschen ist ein Rausch geworden und wir arbeiten leise weiter daran dieses Glück, ihn, zu begreifen. Da ist ein Baby – unser Baby! Die Liege benutze ich gar nicht, kuschel mich an Biene in ihr Bett, der Kinderwagen steht ganz dicht neben mir und immer wenn ich meinen Kopf auf das Kissen gelegt habe, schrecke ich wieder hoch: atmet er? ... ja… guuut. Ist er noch da? … ja… guuut! Wirklich? … ja. Atmet er noch? Bewegt sich seine Bettdecke? …. Wie könnte ich jetzt gemütlich schlafen. So zerbrechlich fühlt sich unser Glück noch an.
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